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Uljana Wolf und Sabine Scho: Kafka korkt zu leiser Lyrik

Literaturkiritiker mit den Dichterinnen Uljana Wolf und Sabine Scho auf der Bühne

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Verse statt Vinum: ein Blogvogel

Mittwoch Abend im Stuttgarter Literaturhaus. Die automatische Eingangstür schiebt Sekundenhäppchen der abendlichen Geräuschkulisse des Vinum nach draußen. Gegenüber rattert der Pater Noster ins erste Stockwerk und scheint quadtratförmige Stille nach oben zu tragen. Mag sein, dass Vinum mittwochs nach Feierabend beliebter ist als Verse. Berauschende Wirkung können aber auch zwei KOOKbooks-Autorinnen locker entkorken. Und Kakfa glänzt als spiegelnder Subtext im Fenster (siehe Bild im Google Plus-Kasten). Auf einen Schluck Lyrik mit dem Satzsitz? Macht’s euch gemütlich!

relations: über Wortwesen und Wortwanderung

Unter dem Motto Relations fand letzte Woche eine Duo-Lyriklesung im Stuttgarter Literaturhaus statt. Uljana Wolfs Zeilen in meine schönste lengevitch besprechen Sprachen, deren Verbindung in dazwischen wandernden Worten und sich wandelnden Bedeutungen. Sabine Schos Tiere in der Architektur stellt in Wort, Bild und Gefühl eine Verbindung zwischen Text und Tier her, Buchstaben aus freier Wildbahn stehen dem Beton von geschlossenen Zoos gegenüber. Die Verbindung zwischen beiden Dichterinnen? Beide bei KOOKbooks unter Vertrag, was man der sehr durchdachten und sehr ansprechenden Gestaltung ihrer Bücher auch sofort ansieht. Schos Buchumschlag entfaltet sich zu einem posterartigen Kamerakäfig und hält eine optische Täuschung per Kippbild-Postkarte bereit.

Die überleitende Verbindung von vorlesendem Monologisierer zu Dialog führendem Interviewer kam durch Literaturkiritker Michael Braun hingegen anfänglich leider recht dickflüssing zustande. Vielleicht enstand für mich dieser Eindruck, weil ich Blickkontakt als das A&O eines Gesprächs miteinader erachte? Vielleicht war ich auch schlicht empört darüber, dass jemand bei der Ansprache seiner Gesprächpartnerin den ungeschickten Umweg von “Autor” über “ähm, Autorin, in diesem Fall” gehen muss. Sei’s drum. Die beiden Autorinnen jedenfalls schafften es auch an einem Mittwochabend die Vers statt Vinum Dürstenden derart zu begeistern, das trotz geringer BesucherInnenzahl der Büchertisch komplett ausgetrunken wurde. Wie sie das im einzelnen geschafft haben, erzählen meine beiden nun folgenden Sitzsätze.



Auf der Bühne des Stuttgarter Literaurhauses. Wanddekoration: Kafka in Komiks.

Michael Braun (Literaturkiritiker) im Gespräch mit den Dichterinnen Uljana Wolf und Sabine Scho (beide kookbooks Verlag)

Satzsitz: Um Orangen kreisen mit Uljana Wolf

“Ich kenne dieses Fremdmaterialgefühl gegenüber der eigenen Sprache.”

Coverumschlag von Uljana Wolf "schönster lengevitch": Pappoptik mit roten Akkzenten

von uljana wolf erschienen bei kookbooks

Uljana Wolf spricht mehrere Sprachen fließend. Und Uljana Wolf hört den Sprachen zu. In einem Video für das Goethe-Institut New York beschreibt sie diese Neugier für sogenannte Sprachgrenzen, Identitätsverortung in Sprachen und neuen Sprachorten in Multilingualität. Ein Fokus sind false friends, die alle kennen, die je eine neue Sprache gelernt haben. Noch spannender wird es jedoch, wenn auch die eigene Sprache plötzlich zum falschen Freund wird. Dort fängt Uljana Wolfs Poesie an und findet keine Grenzen. Warum Lyriklesungen unschlagbar sind? Man erfährt Details über das Warum und die Entstehungsgeschichte. Das ist wie ein geheimer Reiseplan durch die Buchstabenwege, die sonst zwar unverändert wohlklingend zwischen den Buchdeckeln liegen, aber dazwischen ganz viel Platz zum Verlaufen bieten.

Mein größter Aha-Effekt im Wolf’schen O-Ton Lauschen: Rechercheeinblicke zu den Annalogen. Monologe der Anna O., mit bürgerlichen Namen Bertha Pappenheim. Fallgeschichte Freuds und “Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Theorie der Hysterie“. Dieses Zitat und vieles mehr kann Wikipedia erzählen, ohne nur einmal von den Orangen zu berichten, von denen Anna O. sich einige Zeit fast ausschließlich ernährte. Für Uljana Wolf hingegen Trigger eines Gedichts. Einen Ausschnitt von den Orangen seht ihr auf dem Bild im Google Plus Kasten ganz oben. Ihre Lesart is mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, starke Stimme, starke Ausstrahlung und Sätze, die wahre Freunde werden. Ich werde die Annaloge gerne mehrmals wiederlesen, immer mit Wolfs Stimme im Ohr, die mir den richtigen oder rollenden Wortwanderweg in die Orangenzeilen zeigt.

Satzsitz: Die Nadel im Lichthaufen von Sabine Scho

“Wer uns rezensiert, will’s wirklich machen.”

Sabine Scho am Lesepult des Stuttgarter Literatuhauses, Uljana Wolf sitztend daneben

Gemeinsame Lesung mit Uljana Wolf (beide kookbooks Verlag)

Der Satzsitz, den ich zu Sabine Scho ausgewählt habe, verweilt eher im Außenrum von Erfahrungen der Autorin als im Innendrin ihres Werks. Mit einem Titel wie Tiere inder Architektur wird man in der Buchhandlung schnell mal unter Architektur einsortiert, statt in der Lyrikecke. So viel einfacher ist’s Kategorien nach Äußerlichkeiten zu schaffen, als sich aufs Drinversteckte einzulassen. Einen Weg in die Architektur von Schos vielschichtiger Kunst bietet auch ihr gleichnamiger Blog, den ich euch hiermit ins Browserfenster legen möchte. Auch wenn an diesem Abend viele Stühle frei geblieben sind, so sind sie in meiner Wahrnehmung Sitzplatz für ausgelagerte Bedeutungen und Bühnenentlassene Buchstaben auf frischen Wortfüßen geworden. Ich habe beide gern mitgenommen: Bücher und Bedeutungen. Und ich bin froh, mich unbekannterweise drauf eingelassen zu haben. Kopfscreenshot aus der Diashow von Scho: Ein Bild des nächtlichen São Paulos, aus dessen Stadthausgetümmel ein erleuchteter Turm herausragt. Sabine Scho hat die leuchtenden Nadel im lyrischen Lichthaufen gefunden.


Meine Tippverstopfung hat ein Ende gefunden, Kafka hat den Korken, äh, Knoten platzen lassen ;) Danke für eure sweeten Tipps zur Beendung von Schreibblockaden unter meinem letzten Beitrag! Hat endlich geklappt. War so eingenommen von den schönen Worten der Dichterinnen, dass ich auch nur die schönsten Worte über sie tippen wollte. Schön Wort will Ruhe haben. Hoffe euch hat meine Review zur leisen Lyrik gefallen? Wie haltet ihr’s mit Lesungen, mit Orangen und mit Wein? ;) War ich zu streng mit dem Literaturkritiker oder darf man den auch mal kritisieren? Es grüßt mit heißgelaufener Tastatur und wortwohlauf: das A&O

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6 Kommentare

  1. Natürlich darf man auch die Literaturkritiker kritisieren. Nur von Orangen sich zu nähren, macht mir schon allein beim Denken Angst. Auch wenn ich zur üppigeren Speisung nicht unbedingt ins Vinum gehen würde (das halte ich für überbewertet), sondern dann doch lieber wie du links hochgehe in den Vortrags- und Leseraum. Oh, jetzt bin ich irgendwie einmal um die Lyrik herumgerudert, ohne was zu ihr zu sagen … Ich frage mich gerade, wann ich überhaupt das letzte Mal auf einer Lyriklesung war. Hm.

  2. Salut, Alexandra.
    Ein vernettes Gedankenbild, wenn der Pater am Wein vorbeirattert. Dabei sollen die verehrten Heiligeiten ihre Geistlichkeit einem eher höheren Prozentsatz geistiger Getränke Dank schulden. :-)

    Ob dem Mono-Criticus vielleicht noch ein fetter Kapaun im Magen segelte!? Nicht zu erkennen, in der Gesellschaft zweier Dichterinnen zu sein – bitte einen doppelten Mokka dem Herren zu kredenzen!

    Nacheinander mit Mutter- & Vatersprache aufgewachsen zu sein, prägt doch das persönliche dirigieren der Sprachfühlung. Obschon die Zweit-Sprache inzwischen weit dem Wortgefolge Albions gewichen ist. Rudimentiert.
    Das schulische instrumentum latinum nicht zu vergessen…cogito, ergo sum!
    “Die weibliche Hysterie”, läßt mich jetzt querdenken an die männlich-eurozentristische Weltbilderei, jede Gefühlswallung der Frau seie ein definiertes Symptom für “Hysterie”. Noch nicht allzu lange zu Grabe getragen! Dabei ließe sich dem Auswuchs neuzeitlicher Patriarchate definitiv Hysterie, im Sinne der Bedeutung, attestieren.

    Lyrik zur Architektur also…dabei läßt sich solch ein Buch-zwischen-zwei-Deckeln auch aufschlagen. Lesen!?
    :-)

    Tippverstopfung ist wahrlich ungesund für den spritzigen Geist. Und definitiv: Kafka wirkt nach!
    Lesungen höre ich. Orangen mag ich (und liebe den Duft der Citrus-Blüte). Vinum meide ich, weil mir jedweder Alkohol umgehend den Kopf verhämmert. Gepulster Schmerz hinter der Denkerstirn, sozusagen.

    Fine work to be read!

    bonté

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